Menschen der Jetztzeit empfinden in der Rückschau die Corona-Pandemie als ein einzigartiges Ereignis im Leben – doch ein Blick in die Geschichte lehrt uns, dass Seuchen so alt sind wie die Menschheit selbst. Davon berichtete auf höchst spannende Weise Prof. Dr. Philipp Osten am 12. Februar 2026 im Rahmen unserer Vortragsreihe Forum Johanneum. Als Leiter des Medizinhistorischen Museums am UKE nahm er die Corona-Epidemie nur kurz als Aufhänger, um tief in die Geschichte der ansteckenden Krankheiten einzutauchen – und auch, um über die Heilungschancen bei wachsendem medizinischen Fortschritt zu berichten.
Am Anfang der Corona-Pandemie, im April 2020, fand in Hamburg traditionell die „Lange Nacht der Museen“ statt, wenn auch nur digital. Plötzlich hatte das Medizinhistorische Museum, das in dieser Museumsnacht Jahr für Jahr maximal 3000 Besucher zählte, 60.000 Menschen online zu Besuch. Thema des Abends war nämlich der „Blick aus der Coronazeit in die Zeit der Cholera“, er sollte aufzeigen, wie sich die Menschen in der Geschichte am Anfang einer Pandemie jeweils orientiert haben. Die meistgestellte Frage im Chat war seinerzeit: „Wann ist es denn endlich vorbei?“. Darauf konnte, so Osten, die Antwort nur lauten: „Es ist vorbei, wenn wir uns daran gewöhnt haben“.
Den eigentlichen Streifzug durch die Geschichte der Seuchen begann der Mediziner mit der Pest, die seit dem 14. Jahrhundert immer wieder in Europa wütete. Beim letzten großen Pestausbruch in Hamburg starb zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein Fünftel der Bevölkerung. Die Prävention der betroffenen Städte bestand damals wie bei den ersten Corona-Ausbrüchen in Norditalien im Abriegeln der betroffenen Gebiete – und im inständigen Beten. Erst vor rund 130 jahren wurde das Bakterium Yersinia pestis als Auslöser entdeckt, das von Rattenflöhen auf den Menschen übertragen wurde. Und erst als man den Auslöser kannte, konnten irgendwann passende ASntibiotika entwickelt werden, sodass Europa heute – anders als einige Zonen in Afrika, Asien und Mittel- und Südamerika –pestfrei ist.
Besonders betroffen war wiederum Hamburg auch von einer anderen Seuche, nämlich der Cholera. Diese schwere Durchfallerkrankung führte beim letzten großen Ausbruch am Ende des 19. Jahrhunderts zu mehr als 8000 Toten. "Ich vergesse, dass ich in Europa bin." Dieses vernichtende Urteil fällt Robert Koch, Direktor des preußischen Instituts für Infektionskrankheiten, über die Zustände in Hamburg, als er die Hansestadt während der Choleraepidemie im Sommer 1892 besucht.
Dennoch taten sich die Verantwortlichen zunächst schwer, die Gründe für die rasante Verbreitung der Seuche zu erkennen und wirksam zu bekämpfen. Man dürfe, erklärte Osten, nicht vergessen, dass das Konzept der Bakteriologie zu der Zeit noch gar nicht existierte. Dennoch mutmaßte der Arzt und Gründer des Allgemeinen Krankenhauses St. Georg, Dr. Fricke, schon früh, dass die Krankheit aus dem Wasser komme. Die Behörden trafen Anordnungen: Trinkwasser musste abgekocht werden, Abwasser auf Rieselfelder verbracht werden, wie es im preußischen Berlin bereits gang und gäbe war.
Doch – auch hier zeigt sich eine Parallele zur Corona-Epidemie – nicht jedem gefielen die Maßnahmen, viele Bürger der Stadt sahen sich vom Staat in ihrer Freiheit eingeschränkt, spotteten in zahlreichen Schmähschriften über die, die Angst hatten vor der Seuche und zur Vorsicht mahnten. Als man dann nachweisen konnte, dass der Ausbruch in Altona, das seinerzeit zu Preußen gehörte und die preußischen Verordnungen streng umsetzte, nur einen Bruchteil der Opfer forderte wie in der benachbarten Freien und Hansestadt, änderte sich das Vorgehen. Unter anderem wurde die Trinkwassergewinnung in Kaltehofe errichtet und Hamburg wurde nach dem verheerenden Ausbruch zum „Musterknaben“ der Gesundheitsvorsorge. Die Cholera selbst ist heute in vielen Ländern dank Infusionstherapien gut heilbar.
Als Beispiel für eine Seuche, die dank der Entwicklung einer Impfung seit 1980 als ausgerottet gilt, berichtete der Mediziner im letzten Teil seines lebhaften und spannenden Vortrags über die Pocken. Diese hochansteckende Krankheit war der Skandal des 18. Jahrhunderts, praktisch jeder bekam sie, meistens als Säuglinge oder Kinder, von denen 20 % daran starben. Da die Postkutsche praktisch jedes Dorf erreichte, gab es bald keine pockenfreien Gebiete mehr – und auch hier klingen bereits die Tücken der Globalisierung an, die später dem Coronavirus den weltweiten Durchmarsch ermöglichten.
Als man entdeckte, dass man Kleinkinder schützen konnte, indem man die Pocken eines Menschen gezielt an einer Stelle unter die Haut brachte (so starben nur noch 1 %), war der Weg zur mehr oder weniger flächendeckenden Impfung nicht mehr weit. In den 1830er Jahren entsteht ein Impfregister, parallel zum Aufbau eines amtlichen Meldewesens. Schon im darauffolgenden Jahrzehnt werden die ersten Impfgegner laut, die sich gegen die staatliche Einflussnahme wehrten; ihre Flugblätter, Artikel und Schriften erreichen nun auch ein breites Publikum, da im 19. Jahrhundert die Alphabetisierungsquote in den deutschen Territorien rasant von 40 auf 90 % anstieg.
Den ursprünglich angekündigten Blick auf die Spanische Grippe, die die Welt genau 100 Jahre vor dem Coronaausbruch in Atem hielt, musste Prof. Osten leider weglassen, da die eigentliche Vortragszeit um war und nun Zeit für Fragen aus dem Publikum sein sollte. Das zeugt aber nur davon, mit welcher Begeisterung der Medizinhistoriker aus seinem Fachgebiet zu berichten wusste, eine Begeisterung, die sofort ansteckte und die Zuschauer in unserer Aula die Zeit völlig vergessen ließ.
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