Auch wenn Stefan Kipf überzeugter Berliner ist: In der schönen Aula des Johanneums fühle er sich immer wie zuhause, so häufig sei er inzwischen schon da gewesen, bei Römertagen und anderen Veranstaltungen. Überhaupt sei Hamburg für ihn der einzig noch denkbare Lebensort neben der Hauptstadt… Schon mit dieser Eröffnung hatte der Professor für Didaktik der Alten Sprachen an der Humboldt-Universität die Herzen der Zuhörer gewonnen, die am 19. März 2026 der Einladung des Arbeitskreises „Die Römer“, der Vereinigung der Elternräte der humanistischen Gymnasien in Hamburg gefolgt waren und sich im Johanneum auf einen spannenden Vortrag zu einer ,renovierten‘ Ikarus-Lektüre freuen durften, wie es im Untertitel der Veranstaltung hieß.
Die den Abend überspannende Fragestellung lautete: "Lernen durch Literatur oder Lernen über Literatur?“ und begann mit einem kurzen Abriss zur Geschichte der Metamorphosen-Lektüre. Während in den USA aktuell in einigen Bundesstaaten Teile von Ovids Epos auf dem Index stehen, weil Darstellungen von – auch sexualisierter – Gewalt Schülern und Studenten nicht zumutbar seien, wurden in Europa die Metamorphosen und in diesem Fall speziell die Geschichte von Dädalus und Ikarus jahrhundertelang vor allem unter christlichen Vorzeichen gelesen: Minos galt dabei als Teufel, das Labyrinth stellte den Irrgarten der Laster da, in dem man sich als Sünder völlig verlieren konnte.
Ab dem 18. Jahrhundert dann galten die Metamorphosen als Beitrag zur kulturellen Bildung, im 19. Jahrhundert als Beitrag zur „allgemeinen Menschenbildung“ und die Episode von Dädalus und seinem Sohn als eine Darstellung „patriarchalisch-idyllischer“ (!) Zustände, wie Prof. Kipf genussvoll ausführte. Um 1890 wurde dann die Ikarus-Metamorphose eher als didaktisches Lehrgedicht verstanden, als Warnung mit dem Tenor: Jugendlicher Leichtsinn nimmt ein übles Ende.
Nach einer kurzen Darlegung der aktuellen fachdidaktischen Ansätze in der Metamorphosen-Lektüre wandte sich Prof. Kipf seinem Hauptanliegen zu: Er wollte zeigen, dass sich mit der Metamorphose zu Dädalus und Ikarus nicht nur ,durch‘ Literatur lernen lasse, indem nämlich Bezüge zur Lebenswirklichkeit der jeweils lesenden Generationen gezogen werden, sondern auch ganz besonders gut ,über‘ Literatur. Dafür verglich er die Passage aus Ovids Metamorphosen (Met. 8, 183-235) mit der thematisch gleichen, aber weit weniger bekannten aus Ovids Ars amatoria (2, 22-96).
Exemplarisch führte er aus, was man hieran über Literatur als Kunstform lernen kann: Bezüge zwischen den Texten eines Autors, Textgattungsmerkmale von Epos und Lehrgedicht, Beeinflussung der inhaltlichen Schwerpunktsetzung und der sprachlichen Ausgestaltung durch den Kontext, in dem die Episode jeweils steht, und die aus diesen Verschiedenheiten erwachsenden individuellen Rezeptionsmöglichkeiten.
Auf einen knappen Nenner gebracht: Intertextualität ermöglicht nach Kipf ein Lernen über Literatur, und wenn auch diese Aussage für den Deutschunterricht und die modernen Fremdsprachen eher trivial sei, so könne man sie in der Didaktik der Alten Sprachen nicht oft genug betonen. Denn eben diese Didaktik sei noch immer in Teilen geprägt von der Auffassung, dass antike Literatur vor allem zur allgemeinen und zur moralischen Bildung beitrage.
Nach einer knappen Stunde lebhaften Vortrags, den Schüler, Eltern und Lehrer in der Aula gleichermaßen genossen, beantwortete Prof. Kipf noch Fragen aus dem Publikum, bis Dr. Anja Hartmann, Sprecherin der „Römer“, den Gast und alle Besucher zu einem Umtrunk mit kleinen Snacks in die Ehrenhalle einlud. Dort entwickelten sich rege Gespräche zwischen den Besuchern aus ganz Hamburg, bei denen es auch, aber beileibe nicht nur um Latein und Griechisch ging.
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