v.l.: Andrea Joosten, Ines Domeyer, Kai Schröder
Frau Joosten und Bibliotheksteam

Was wir schon immer wussten, ist nun auch mit überwältigender Mehrheit das Abstimmungsergebnis der Wahl zur schönsten Bibliothek Hamburgs, die WissensWert, der Newsletter der Hamburger Kunsthalle, durchführte:  Unsere Bibliotheca Johannei ist die schönste Bibliothek Hamburgs! Dass damit die älteste Bibliothek Hamburgs und vor allem eine Gründung des Reformators Johannes Bugenhagen ausgezeichnet wurde, fügt sich ganz wunderbar in dieses Jahr des Reformationsjubiläums. Neben ihm erfährt auch Fritz Schumacher wieder einmal eine Würdigung für seine wegweisende Architektur der heutigen alten Bibliothek in unserem denkmalgeschützten Altbau. Aber in der großen Online-Umfrage wurde im vergangenen Herbst nicht nur die Bibliothek in Hamburg gesucht, deren Schönheit sich in ästhetischen Kriterien erweist, sondern auch in modernen funktionalen: Aus 30 nominierten Bibliotheken stimmten 77% der an der Umfrage Teilnehmenden vor der Bibliothek der Kunsthalle und der Commerzbibliothek für die Bibliotheca Johannei als am meisten "qualifiziert, kooperativ und zuverlässig". Wir danken, dass sich so viele für unsere Bibliothek engagiert haben und engagieren! Mit großer Freude nahmen Frau Domeyer und Herr Schröder am 16. Februar von Frau Joosten, der Leiterin der Bibliothek der Kunsthalle, die Urkunde entgegen, die sicher einen ganz besonderen Platz in unserer ganz besonderen Bibliothek finden wird.

Wer sich diese - vielleicht gerade jetzt noch einmal - genau anschauen möchte, sei herzlich zu unserer nächsten öffentlichen Führung am Mittwoch, dem 29. März, eingeladen (nach vorheriger Anmeldung bis zum 27. März unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Und wer hier und jetzt gleich mehr über die schönste Bibliothek erfahren möchte, lese weiter den folgenden Artikel aus dem Newsletter der Kunsthalle WissensWert 01/2017.

1. WissensWert sucht ... die schönste Bibliothek in Hamburg

Sie, die WissensWert-Leser haben Ihre schönste Bibliothek in Hamb

urg gewählt. 529 Personen haben sich an der Umfrage beteiligt. Das Ergebnis fiel sehr eindeutig aus. Mit 76,94 % aller Stimmen belegt die Bibliotheca Johannei den ersten Platz und wird zur schönsten Bibliothek in Hamburg gekürt. WissensWert gratuliert zu diesem tollen Ergebnis! Auf Platz 2 kam die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle mit 6,81 % der Stimmen. Den dritten Platz belegte die Commerzbibliothek mit 5,10 % der Gesamtstimmen.

Traditionen sind wichtig in Hamburg. Das zeigt das Ergebnis eindeutig. Auf den ersten drei Plätzen stehen Bibliotheken mit einer langen Geschichte. Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle ist da mit fast 150 Jahren noch die jüngste Einrichtung. Und dennoch handelt es sich bei den prämierten Institutionen zugleich um moderne funktionierende Bibliotheken des 21. Jahrhunderts.

Ganz besonders deutlich wird dies bei der Gewinnerin des kleinen Wettbewerbs. Die Bibliothek des Johanneums kann eine lange Tradition aufweisen. Die Geschichte dieser ältesten Hamburger Bibliothek führt in die Zeit der Reformation zurück. 1529 gründete der Reformator Johannes Bugenhagen (1485-1558) seine „librye“. Mittelpunkt des Hamburger Kulturlebens war bisher das alte Kloster St. Johannis am Domplatz gewesen. Alle staatlichen höheren Schulen der Stadt gehen letztendlich auf dieses Kloster zurück, das ebenso eine wichtige Bildungsstätte war. Auch die Hamburger Reformatoren erhielten hier ihr Wissen. Ab 1529 war die von Bugenhagen gegründete „librye“ die zentrale Bildungseinrichtung. Überspringen wir die folgenden Jahrhunderte und gehen direkt in das 19. Jahrhundert. 1840 bauten Carl Ludwig Wimmel (1786-1845) und Franz Gustav Joachim Forsmann (1795-1878) ein Gebäude für die beiden selbstständigen Anstalten – eine Gelehrtenschule und eine Realschule. Das Haus wurde das Johanneum genannt. Untergebracht war in ihm auch eine Bibliothek. Diese wuchs derart rasant an, dass sie die Realschule bereits 1876 aus dem Gebäude verdrängte. Übrig blieb die Gelehrtenschule, das humanistische Gymnasium, und eben jene Bibliothek. Doch das Gebäude am Domplatz wurde bald schon zu klein, so dass man sich entschloss, ein Grundstück für einen Neubau in Hamburgs Norden zu suchen. Albert Erbe (1868-1922) erstellte erste Pläne für ein Johanneum in der Andreasstraße, die allerdings nie realisiert wurden. Der Entwurf für die heute genutzte Schule stammt von Fritz Schumacher (1869-1947).

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Mit seinem Entwurf schließt der große Hamburger Architekt ganz an die Tradition an. Der Grundriss spielt auf den alten Bau in der Innenstadt an. Es handelt sich um einen dreiflügeliges Gebäude. Der Mittelbau ist von der Straße abgerückt; die beiden symmetrischen Flügelbauten streben auf diese zu. Sie umschließen einen Hof, der zur Straße hin durch eine Arkade geschlossen wird. Das Gebäude schirmt sich dadurch von der Großstadt mit ihrem lauten Verkehr ab und bietet ein fast klösterlich-ruhiges Ambiente. Schumacher wies den öffentlichen Bauten einen Vorbildcharakter zu. Sie sollten ästhetische Haltepunkte im Chaos der Großstadt sein. Die „Erziehung durch Umwelt“ war der Leitspruch seines künstlerisch-pädagogischen Programms, für das das Johanneum ein Paradebeispiel ist.

Der dreistöckige Mittelbau erhielt ein hohes Walmdach mit einer kupferverkleideten Plattform für astronomische Beobachtungen, das auf den Entwurf von Erbe verweist. Mit ihren Mansardendächern passten sich die zweigeschossigen Flügelbauten perfekt in die Villenbebauung der Umgebung ein. Die Kombination von Tradition und Moderne, verbunden mit einer großen Funktionalität, ist es, was die Bauten von Fritz Schumacher auszeichnet, und sicherlich dazu beiträgt, dass sie heute immer noch beliebt sind und als „schön“ empfunden werden. Eine Rolle spielt dabei ebenso der künstlerische Anspruch Schumachers, der in der Ausgestaltung seiner Gebäude stets mit Künstlern (Bildhauern und Dekorationsmalern) zusammenarbeitete. Für die Moderne beim Bau des Johanneums stehen die verwendeten Materialien: Eisenkonstruktionen im Dachstuhl und Backsteine für das Mauerwerk.

Für die Bibliothek wurde ein Raum im Nordflügel geschaffen. Schumacher plante eine Nutzfläche von 500 m2 im obersten Bereich des Gebäudes ein. Es gab einen kleinen Vorraum, der als Kartothek genutzt wurde, und in dem auch die Ausleihtheke stand. Daneben befand sich ein Arbeitszimmer für den Bibliotheksverwalter. An diese Bereiche schloss sich das Magazin, das Herzstück der Bibliothek, an. Neuere Konzepte flossen in die Planung desselben ein. Die Schüler durften direkt an die Regale treten und die Bücher entnehmen. Zum Arbeiten gab es zwischen den Regalen Platz für kleine Tische. Das Regalsystem war das modernste, das sich damals auf dem Markt finden ließ. Schumacher entschied sich für an das sogenannte Lipperman’sche System mit eingebauten Holzregalen.

Robert Lipman war ein Kunstschlosser. Er entwickelte ein Regalsystem aus Metall mit einer normierten Bodenlänge (ein Meter). Die einzelnen Böden wurden in gezähnte Leisten eingehängt. Das Lipperman’sche System, das ca. 1885 erstmals eingesetzt wurde, minimierte die Brandgefahr in der Bibliothek und ließ ein individuelles Einrichten der Regalhöhe zu, je nachdem welche Bücher auf dem Boden gelagert werden sollten. Das System wurde in den darauffolgenden Jahren weiterentwickelt. 1897 kam eine Version zum Einsatz, bei der die Regale als Stützpfeiler in die statische Konstruktion des Baus integriert wurden. So auch in der Bibliotheca Johannei. Im Oktober 1914, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde der Neubau eingeweiht.

Heute stehen die Bibliotheken, die im Magazin ein Regalsystem Lipmans besitzen, unter Denkmalschutz. Das gilt für die sechsgeschossige Anlage in der Staatsbibliothek unter den Linden in Berlin (http://schälerbau.de/projekte/Staatsbibliothek-Lipmanregale.html). Das gilt auch für das doppelstöckige Magazin der Bibliothek der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (http://www.hfbk-hamburg.de/bibliothek/) und für die ebenfalls doppelstöckige Anlage im Johanneum. Wobei nicht nur die Regale letzterer, sondern das gesamte Gebäude heute geschützt ist.

Die Bibliotheca Johannei wird seit November 2008 wieder als Schulbibliothek genutzt. Sie gliedert sich an die beschriebene alte Bibliothek an. Der Raum vor der alten Bibliothek wurde umgestaltet und ganz auf die zeitgenössischen Anforderungen einer Schulbibliothek abgestimmt. Die Ausleihtheke befindet sich nun am Eingang der neuen Bibliothek. Halbhohe Regale gliedern die Mitte des Raumes und geben eine übersichtliche Atmosphäre. In ihnen befinden sich die aktuellen Bücher zu allen Wissensgebieten, die die Schüler für ihre Hausaufgaben und zur Vorbereitung der Klassenarbeiten und Prüfungen benötigen. Es gibt sowohl Arbeitstische mit Computern als auch einen gemütlichen Lounge-Bereich, in dem die Schüler ihre Pause verbringen und lesen können. Darüberhinaus steht der Bibliothek ein eigener Gruppenraum zur Verfügung. Die klassische Bibliothek mit dem Altbestand ist von dem modernen Bereich durch eine Glaswand getrennt. Die gelungene Kombination von Tradition und Moderne gepaart mit einem guten Service macht die Bibliothek zu einem beliebten Aufenthalts- und Lernort für die Schüler. Das trug sicherlich auch dazu bei, dass Sie die Bibliothek zur schönsten in Hamburg gewählt haben.

Wer mehr lesen möchte:
Festschrift der Gelehrtenschule des Johanneums zur Feier des vierhundertjährigen Bestehens der Hamburger St. Johannisschule 1529-1929. Hamburg 1929
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=250599058

Fritz Schumacher. Hamburger Staatsbauten 1909-1919/21. Eine denkmalpflegerische Bestandsaufnahme. Hamburg 1995
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamb

urg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=18515896X

Meyn, Boris: Die Entwicklungsgeschichte des Hamburger Schulbaus. Hamburg 1998
Hamburger Kunsthalle, Bibliothek, https://kataloge.uni-hamburg.de/DB=3.4/XMLPRS=N/PPN?PPN=238202666

 

Andrea Joosten, Leiterin der Kunsthalle Hamburg (WissensWert 01/2017)