Wenn das Gehirn zum Wettbewerb wird

Wenn das Gehirn zum Wettbewerb wird

Sieben Johanniter:innen bei der Deutschen Neurowissenschaften-Olympiade 2026 – ein Bericht aus erster Hand.

Am 14. März 2026 machten sich sechs Schülerinnen und Schüler der Oberstufe auf den Weg nach Berlin, um an der Deutschen Neurowissenschaften-Olympiade (DNO) teilzunehmen, einem bundesweiten Wettbewerb, der junge Menschen für die Wissenschaft des Gehirns begeistern will. Paul S. (SIII) gewann den Regionalentscheid und qualifizierte sich damit für das Nationale Finale im Juni in Frankfurt. Was die Gruppe dort erlebte, erzählen sie hier in eigenen Worten.

Was ist die Deutsche Neurowissenschaften-Olympiade?
Die Deutsche Neurowissenschaften-Olympiade ist ein jährlich stattfindender Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13. Sie ist Teil des internationalen „International Brain Bee“-Programms, das in rund 40 Ländern durchgeführt wird. Ziel ist es, das Interesse an den Neurowissenschaften zu fördern und Jugendliche über das Schulfächer hinaus für Forschung und Medizin zu begeistern.

Die Regionalwettbewerbe finden gleichzeitig an drei Standorten statt: Berlin, Bonn und Heidelberg. Für Hamburg und Norddeutschland ist Berlin der zuständige Austragungsort. Die besten 45 Teilnehmenden aus allen drei Regionalentscheiden werden zum nationalen Finale eingeladen. Der Bundessieger repräsentiert Deutschland anschließend beim International Brain Bee.

Vorbereitung: Ein 281-Seiten-Skript auf Englisch
Bereits Monate vor dem Wettbewerb erhalten die angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer Zugang zu einem umfangreichen Study Guide – rund 280 bis 300 Seiten neurologischen Fachwissens, komplett auf Englisch. Vorwissen ist dabei ausdrücklich nicht nötig: Das Material ist so aufgebaut, dass alle die gleichen Chancen haben.

Milla H. (S III) schildert ihre erste Begegnung mit dem Lernstoff: „Die ersten Seiten erscheinen erstmal ungewohnt lang, weil man ständig ins Glossar schauen muss. Aber nach und nach verbessert man das eigene Verständnis und erweitert das englische Vokabular.“

Auch Carlos S. (S III)  zieht ein positives Fazit der intensiven Vorbereitung: „Der Aufwand, ein 200-Seiten-Dokument auf Englisch zu lesen und zu verstehen, war es mir aufgrund des Stoffes, den man mit jeder Seite dazugelernt hat, auf jeden Fall wert.“ Marc S. (S III) ergänzt: „Das Lesen der langen englischen Study Guides hat sich definitiv gelohnt, weil man fachlich viel gelernt hat.“

Der Wettbewerbstag: Vom Check-in bis zur Siegerehrung
Samstagvormittag, 10 Uhr, Berlin-Mitte: Hochspannung. 76 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren aus ganz Nord- und Ostdeutschland sowie den osteuropäischen Nachbarländern kamen in der Berlin Metropolitan School zusammen – angereist aus Cottbus, Dresden, Prag und natürlich Hamburg. Paul S. beschreibt den Ablauf des Tages:

Nach dem Check-in, bei dem jede und jeder ein Goodie-Bag und ein T-Shirt erhielt, begann um 11:30 Uhr die Begrüßungsrede der Veranstalter. Dabei wurde erklärt, dass zur gleichen Zeit derselbe Wettbewerb auch in Bonn und Heidelberg stattfand. Anschließend wurden die Teilnehmenden in zwei Gruppen eingeteilt, die die Prüfungsteile in unterschiedlicher Reihenfolge absolvierten.

Einige Schülerinnen und Schüler wurden von ihren Eltern begleitet. Jan H., der seinen Sohn nach Berlin begleitete, beschreibt seine Eindrücke aus der Perspektive eines Vaters: „Neugierige Eltern lauschen den englischen Erläuterungen rund um den spannenden Prüfungstag und warten gespannt auf den öffentlichen Teil des Tests. Fragen zu neurologischen Fallstudien, zu Fachbegriffen und Fakten – für Laien schlicht unlösbar.“ Er ist von seinem Sohn und den anderen Jugendlichen sichtlich beeindruckt.

Manche Eltern kamen aus reiner Neugier mit, andere nutzten den Wettbewerb für ein gemeinsames Berliner Wochenende – angereist aus Prag, Dresden oder Mecklenburg-Vorpommern.

Prüfungsteil 1: Written Test
Den Auftakt bildete der schriftliche Multiple-Choice-Test in der Aula der Schule – rund 25 Fragen zu allen Kapiteln des Study Guides, zu beantworten in 30 Minuten. Der Wissenstest umfasste Themen aus Biologie, Chemie und Psychologie, denn, wie Milla H. es treffend formuliert: „Die Aufgaben haben mir gezeigt, wie komplex das menschliche Gehirn ist und wie viele verschiedene Bereiche der Biologie, Chemie und Psychologie darin zusammenkommen.“

Prüfungsteil 2: Neuroanatomie mit echten Gehirnen
Im Neuroanatomie-Teil war ein Tischkreis mit Mikroskopen und echten Gehirnpräparaten der Charité aufgebaut. Auf beiden waren bestimmte Bereiche markiert, die benannt und in ihrer Funktion erklärt werden mussten. Für jedes Objekt standen nur 30 Sekunden zur Verfügung.

„Dieser Testteil hat mir am meisten Spaß gemacht“, erzählt Paul S.. Marc S. war besonders beeindruckt: „In der Neuroanatomie-Sektion konnte man echte Gehirne und mikroskopische Proben sehen – das war faszinierend.“

Mittagspause und Gastvortrag: Fruchtfliegen und Forschung
Nach einem reichhaltigen Mittagessen hielt eine der freiwilligen Helferinnen einen Vortrag über ihre Doktorarbeit. Sie berichtete über ihre Untersuchungen an Fruchtfliegengehirnen, die in gewisser Weise Ähnlichkeiten mit dem menschlichen Gehirn aufweisen: Fruchtfliegen und Menschen teilen etwa 60 % ihrer DNA.

Prüfungsteil 3: Patient Diagnosis
Der spannendste Teil des Tages war laut übereinstimmender Aussage der Patientendiagnose-Block. Anhand eines Videos und drei Untersuchungsergebnissen mussten die Teilnehmenden eine neurologische Diagnose stellen. Marc S. hebt hervor: „Dort konnte man direkt sehen, wie neurologisches Wissen praktisch angewendet wird und nicht nur theoretisch ist.“

Während die Ergebnisse ausgewertet wurden, hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, drei renommierte Wissenschaftler zu befragen: den amerikanischen Neurogenetikforscher Matthew Kraushar vom Max-Planck-Institut Berlin, Charité-Direktorin Britta Eickholt sowie den Neuroanatomie-Professor Imre Vida.

Prüfungsteil 4: Regional Podium Session und Siegerehrung
Den Abschluss bildete die regionale Podiumsdiskussion: Die zehn besten Teilnehmenden – in diesem Jahr aufgrund eines Punktgleichstands sogar elf – beantworteten Fragen der Forschenden live auf kleinen Tafeln. Pro falsch beantworteter Frage durfte man maximal zweimal daneben liegen. Paul S. gehörte zur Spitzengruppe und schied als Drittletzter aus.

Am Ende wurden Teilnahmeurkunden verteilt, die Top 11 erhielten außerdem einen Keksausstecher in Gehirnform. Paul S. belegte den dritten Platz und sicherte sich damit sein Ticket zum Nationalen Finale in Frankfurt Mitte Juni 2026.

Stimmen aus der Gruppe: Was bleibt?
Jan H., Vater eines Teilnehmers, der die Gruppe nach Berlin begleitete, fasst die Atmosphäre in Worte: „In den Räumen trifft Hochbegabung auf greifbare Nervosität. Ein faszinierender Tag, der zeigt, wie begeisterungsfähig junge Menschen für die Wissenschaft sind.“

Carlos S. zieht für sich ein nachdenkliches, aber wertvolles Fazit: „Auch wenn ich festgestellt habe, dass Neurologie nicht der Fachbereich ist, den ich nach der Schule verfolgen möchte, finde ich gerade diese Erkenntnis sehr hilfreich. Ich würde diese Erfahrung auf jeden Fall wieder machen wollen.“

Milla H. hingegen hat ein Studienziel entdeckt: „Dieser Bereich war für mich der spannendste, da ich mir in der Zukunft vorstellen könnte, Neuropsychologie zu studieren. Wer sich für Bio, Chemie und den eigenen Verstand interessiert, sollte unbedingt die Chance nutzen am DNO teilzunehmen.“

Marc S. hebt vor allem die Gemeinschaft hervor: „Beeindruckend war, wie viele interessierte und engagierte Jugendliche teilgenommen haben. Auch die Veranstalter wirkten sehr motiviert, was zu einer sehr besonderen Atmosphäre beigetragen hat.“

Selbst mitmachen – so geht’s
Die DNO richtet sich an alle Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13. Vorwissen ist nicht erforderlich; das gesamte Lernmaterial wird nach der Anmeldung kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Vorbereitung erfolgt eigenständig über mehrere Monate. Wer teilnehmen möchte, muss sich selbst online anmelden; eine kurze Empfehlung der Lehrkraft ist zusätzlich erforderlich.

Im Schuljahr 2026/2027 haben Alizée B., Carlos S., Elena C., Julius H., Marc S., Milla H. und Paul S. teilgenommen. Die Gruppe hat sich regelmäßig im Johanneum getroffen und sich ausgetauscht.

Paul S. bringt es auf den Punkt: „Ich empfehle die Teilnahme jedem, der sich für Medizin beziehungsweise Neurologie interessiert. Wenn ihr Interesse geweckt wurde, meldet euch gerne bei Frau Schrick bis Anfang September 2026, sie meldet Euch an.

Autoren:

Paul S., Carlos S., Marc S., Milla H. (alle S III) sowie Jan H. (Vater von Julius H.) und Petra Schrick (MINT-Wettbewerbsförderung)