Shalom chaverim

Shalom chaverim

Erste Stolpersteinverlegung am Johanneum am 3. Juni 2026

„Diesen Humanismustag werde ich nicht vergessen. An den erinnere ich mich immer aus meiner Schulzeit“, damit sprach ein 10.-Klässler am Ende unseres diesjährigen Humanismustages am 3. Juni aus der Seele wohl aller in der Schulgemeinschaft.

Einzigartig machten diesen Tag die echten und nahen Begegnungen mit Menschen: den lebenden, die mit uns die erste Stolperstein-Verlegung mit Gedenkfeier am Johanneum begingen, und ganz besonders den vergangenen, denen wir mit den ersten 27 Stolpersteinen vor dem Eingang in der Maria-Louisen-Straße ein ehrendes Denkmal gesetzt haben.

Über die Erinnerungen eines Davongekommenenen, die Autobiographie unseres berühmten ehemaligen Schülers Ralph Giordano, und Erzählungen Angehöriger, die aus Israel, Spanien, Schottland und den USA angereist waren, um ihrer Väter Oscar Bunemann, Wolfgang Moser und Thomas Rosenmeyer sowie ihres Onkels Friedrich Oettinger zu gedenken, lernten unsere Schüler:innen die Menschen hinter den Namen auf den Gedenksteinen kennen; über die Schätze unseres Schularchivs, nämlich Schülerkarten, -akten und -fotos, Abiturarbeiten und -zeugnisse der 1930er Jahre, gingen sie in den „gedanklichen Dialog mit ihrem ehemaligen Mitschüler“ (Fensch) am Johanneum. In verschiedenen Projekten, die mit „Vergangenheit voll Leben“ überschrieben waren, erfuhren alle Schüler:innen der Jahrgänge 5-11 von den Demütigungen und grausamen Schicksalen der noch ganz jungen Menschen, die in den damals wie heute vertrauten eigenen Schulwänden vor noch nicht langer Zeit geschahen. „Lebendige Mahnung, die uns alle betrifft“, musste das Ziel sein und ist uns am Johanneum schon lange höchster Wert des Geschichtsunterrichts, wie auch der Landesschulrat Thorsten Altenburg-Hack in der Gedenkfeier anerkennend für das älteste Hamburger Gymnasium hervorhob. Menschenrechte wirklich zu verstehen, gelinge nur über Empathie. Zeit sollte und musste also für einen Moment in unserer Auseinandersetzung mit den ehemaligen Mitschülern verschwinden. „The past is never dead, it’s not even past“.

Mit diesem William-Faulkner-Zitat nannte Frau Fensch als Projekt-Initiatorin und Fachleiterin Geschichte in der Eröffnung ihrer Rede zur Gedenkfeier das noch höherwertige Argument für Zeitlosigkeit. Zeitlosigkeit im Erschütternden vermittelten die leider allzu bekannten, immer noch und wieder aktuellen Motive für die Gräueltaten an ehemaligen Johannitern auf Schüler- und Lehrerseite, die sich in den unseren Schüler:innen zugänglich gemachten schulhistorischen Dokumenten der NS-Zeit verraten – und damit zugleich das totale Versagen des gelebten Humanismus am Johanneum in dieser Zeit. Zeitlosigkeit im Optimistischen bemächtigte sich aller Ohren, als mit Aino G. (9c) und Paula W. (10b) Bachs Adagio aus dem Violinkonzert E-Dur wieder in der Aula erklang, 100 Jahre nachdem der damals 15-jährige Kurt Mehrgut das Stück im Weihnachtskonzert des Johanneums dort gespielt hatte. Dass dieser 1941 in Mauthausen ermordet worden ist, darüber ’stolpert‘ der Passant nun auch vor dessen ehemaliger Schule. Mit allen 27 Stolpersteinen, die dank des Künstlers Gunter Demnig das grausame Schicksal der Menschen erzählen, stolpert er überdies über den beschämenden „unerhörte[n] und unfassbare[n] Bruch“ in der Schulgeschichte, über den „beschämendsten Abschnitt unserer Vergangenheit“ (Fensch).

An unserem diesjährigen Humanismustag, den wir jedes Jahr im Frühjahr anlässlich des Geburtstages unseres humanistischen Gymnasiums begehen, begannen wir mit einer neuen Erinnerungskultur, die ein öffentliches Zeichen setzt für Taten und Zeiten am Johanneum, in denen der Humanismus kläglich versagte, sowie für „unser Bekenntnis zur Verantwortung, uns für eine demokratische, offene und den Einzelnen achtende Schule und Gesellschaft einzusetzen“ (Inken Hose, Schulleiterin).

Für das „neue Johanneum“, dem Ralph Giordano seine Autobiographie 2017 widmete, suchten auch unsere 9. und 10. Klassen am Ende dieses Projekttages nach Formulierungen dieses Bekenntnisses, das Neues Leitbild des Johanneums – im Bewusstsein unserer Geschichte werden soll:

„Wir versuchen Konflikte stets auf Augenhöhe und ohne Gewalt zu klären und sind der festen Überzeugung, dass in unserer Gesellschaft unter keinen Umständen Ausgrenzung stattfinden darf.“

„Wir geloben, jedem Menschen mit Respekt, Mitgefühl und Offenheit zu begegnen. Die Stolpersteine erinnern uns daran, dass hinter jedem Namen ein Mensch mit Hoffnungen und Tränen steht.

„Geschichte darf niemals vergessen werden. Wir als Schülerinnen und Schüler dürfen und wollen nicht vergessen und werden mit Respekt und Courage mit anderen Menschen umgehen. Hass und Gewalt schaden uns. Unsere Gemeinschaft soll zeigen, dass Nächstenliebe und Hoffnung wichtig sind.“

„Wir übernehmen Verantwortung für unser Handeln und unsere Gemeinschaft. Gemeinsam gestalten wir eine Schule, in der Vertrauen, Zusammenhalt und Zukunft gelebt werden.“

Shlomo Bistritzky ging konsequent einen Schritt weiter: „Geht, Kinder“, lautete der Appell des Hamburger Landesrabbiners in unserer Aula an unsere Schüler:innen, aber auch uns Lehrende, „hört mir zu, ich lehre euch Gottes Ehrfurcht!“ Wie König Salomo, den er mit den Worten zitierte, müssten wir die jungen Menschen mit unserer Lehre, mit diesen unseren Werten und ihren Werten nach draußen schicken. Hier würden die Werte geprüft, hier können und müssen sie wirken! Und das sei, wie er einfühlsam und bewegend erinnerte, viel schwerer geworden. Denn die „Welt draußen ist nicht die Welt von gestern“, als auch sein Großvater die Hamburger Schulbank an der Talmud-Tora-Schule im Grindel besucht hatte. Die vielen Begegnungen in der „virtuellen Welt“ stehen – wie er betonte – nicht nur neben den Auge-zu-Auge-Begegnungen auf der Straße, sondern lassen sie ganz verschwinden, da der Blick auch auf der Straße nicht nach oben aufs Gegenüber, sondern aufs Handy und damit nach unten gehe. An den Stolpersteinen dürfe der Blick aber nicht vorbeigehen, fordert Bistritzky und wendet sich abschließend noch einmal an die jungen Menschen, die Schule ausmachen: „Denkt dann an jemanden in der Klasse, der nicht in der besten Clique ist, der vielleicht zu Hause Negatives erlebt, damit ihr es dann anders macht. Sagt euch: Ich werde nicht schweigen. Ich werde nicht mehr Freund und Freundin sein, wenn jemandem Hass begegnet. Tut es für euch, euch alle, vor allem für euch selbst!“

Eingerahmt wurden diese Worte in der Gedenkfeier in der Aula von der eindrücklichen Inszenierung Wir sind 27 – eine ganze Klasse! der Klasse 7c und des SII-Theaterkurses von Frau Radtke sowie vom dialogischen Vortrag der Gedanken Inge Grolles Vom Stolpern durch Emma S. und Jonathan D. (beide SII).

Die Begegnungen – vor allem auch in solchen Worten – bewegten, berührten, machten leise und nachdenklich in einer Zeit, groß, vielleicht zu groß, und laut, vielleicht zu laut, für alle, nicht nur die jungen Menschen. Gerade dann – daran erinnerten alle Redner in der Aula – bedarf es einer Mahnung an das Vergangene und an die Wirkung des unmittelbar miteinander Erlebten von Menschen im Hier und Jetzt.

Besonders bewegend und unvergesslich wurden deshalb der Moment der Niederlegung der Blumen an den neuen Denkmälern zu unseren Füßen vor dem Altbau und der anschließende gemeinsame Kanon aller Gedenkender aus Schülern, Eltern, Lehrern, Angehörigen und Passanten auf der Straße: Unterstützt von unserem B-Chor und angeleitet von Herrn Willenbrock sangen und wünschten alle Shalom chaverim („Friede, Freunde“).

Unsere Stolpersteine vor dem Johanneum erinnern an:

Bauer, Otto Herbert (*1896)
Blitz, Wilhelm (*1876)
Buneman/Bünemann, Oscar (*1913)
Daus, Franz (*1896)
Delbanco, Ernst (*1869)
Eichholz, Günther (*1920)
Giordano, Egon (*1921)
Giordano, Ralph (*1923)
Hoffmann, Richard (*1882)
Karlsberg, Moses (*1865)
Kaufmann, Ernst (*1880)
Lippmann, Leo (*1881)
Lippmann, Max (*1873)
Mehrgut, Kurt (*1914)
Moser, Wolfgang (*1920)
Norden, Joseph (*1870)
Oettinger, Friedrich (*1906)
Oppens, Franz (*1876)
Oppens, Paul (*1883)
Prassek, Johannes (*1911)
Rittmeister, John (*1898)
Rosenmeyer, Thomas (*1920)
Scharlach, Hans (*1919)
Winterfeld, Leopold (*1887)
Wolfers, Hugo (*1875)
Wolff, Alfred (*1880)
Wolff, Ludwig (*1883)