
Das zweite Gedicht: Das zweite Gesicht
Akshita G. (9c) gehört zu Lyrix-Gewinner:innen im Mai 2026
„Im Mai drehte sich bei lyrix alles um die Frage, was bleibt, was Spuren hinterlässt und was uns hält. Die Gewinner*innen haben sich dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise genähert. In ihren Gedichten geht es um Zeichen und Erinnerungen, um Gedanken und Gefühle und um Dinge, die sichtbar oder verborgen sein können.“ (lyrix)
Und wieder konnte eine unserer Schüler:innen die Jury besonders überzeugen: Nachdem Luana K. im Januar mit ihrem Gedicht „Nur da“ zu den sechs Monatssieger:innen im Januar gehört hatte, ist Akshita G. mit ihrem Text „Das zweite Gesicht“ nun Maisiegerin! Wir gratulieren herzlich und lesen gern das zweite Gedicht unserer Lyriker:innen des Johanneums!
Das zweite Gesicht
Wir teilen uns die Welt mit Passanten,
die unsere Gesichter lesen wie Plakate.
Sie sehen die Hülle, den Alltag,
den Namen auf dem Personalausweis –
ein flaches Wort aus Druckerschwärze.
Darunter klebt das Foto, starr und offiziell.
Die Leute sehen es an und glauben, mich zu kennen.
Doch da ist dieser tiefe Riss.
Sie meinen, diese Person auf dem Bild sei ich.
Sie sprechen mich mit „meinem Namen“ an,
doch das Wort greift ins Leere
Es ist wie ein Irrtum in den Farben der Welt,
so, als würde man den Himmel giftgrün nennen
und das lebendige Holz starrblau.
Es ist nur ein gehauchtes Wort,
doch es geht vollkommen an mir vorbei,
denn namentlich bin ich dies nicht.
Unter der Oberfläche,
verborgen wie der Erdkern unter tonnenschwerem Gestein,
wo kein Licht der Straßenlaternen mehr hinreicht,
beginnt meine eigentliche Biografie.
Dort bin ich nicht die Person des Systems.
Kein passendes Kartenstück für ihr geordnetes Spiel.
Kein Teil eines unvollständigen Quartetts.
Ich entziehe mich ihrem Deck.
Dort lebe ich in einer anderen Haut.
Wir haben unsere Namen erfunden,
gegossen aus Schatten und spätem Atem.
Cypher, die wie Kieselsteine im Mund liegen,
Σκιά und Φως.
Ein lautloser Schwur, der nur uns gehört.
Kein Passamt hat sie registriert,
kein Fremder kann uns buchstabieren.
Ich hinterlasse mein Zeichen an der Haltestelle:
Ein Hauch auf der kalten Glasscheibe,
der deinen Decknamen formt,
bevor er im Nebel der Stadt wieder verblasst.
Wer es sieht, denkt an Kondenswasser.
Du aber liest darin meine Anwesenheit.
Du siehst nicht das Foto. Du siehst mich.
Hinterlass mir dein Zeichen,
geschrieben weiß auf weiß,
sodass nur ich es erkennen kann.