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Hellmut Kruse war 28 Jahre in Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens Beiersdorf. Von 1936 bis 1944 besuchte er das Johanneum. 2006 ist seine Autobiographie "Wagen und Winnen" erschienen.

In seiner Autobiographie "Wagen und Winnen" beschreibt Ex-Beiersdorf-Vorstand Hellmut Kruse ein hanseatisches Leben und ein faszinierendes Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Günter Stiller stellt das Erinnerungsbuch vor:

Was man heute braucht, um Erfolg zu haben? "Man muss arbeiten wollen, Sprachen können, optimistisch sein, wie die Verhältnisse auch immer sein mögen, vor allem aber: Man muß Mut zum Risiko haben!" sagt der Hamburger Hellmut Kruse (79), der in diesen Tagen seine Autobiographie "Wagen und Winnen" vorlegt, die ein hanseatisches Kaufmannsleben entschlüsselt, dessen Kompaßnadel stets in Richtung Risiko und Wagnis gewiesen hat:

Hoch riskant war es, als der gerade 19 Jahre junge Soldat Kruse kurz nach Kriegsende vor den Gewehrmündungen der Sieger von einem Lkw sprang, um dem Transport in lebensgefährliche Zwangsarbeit zu entgehen. Typischerweise sollte er später sagen: "Durch das Wagnis meiner Flucht hatte ich bereits viel gewonnen!"

Ein Wagnis war jene Reise, zu der der frischgebackene Dr. phil., Spezialist für lyrische Gedichte und die Todessehnsucht deutscher Dichter, mit zwei Musterkoffern aufbrach, um in Indien, Pakistan oder Burma Partner und Aufträge für die um die Existenz ringende väterliche Exportfirma Wiechers & Helm zu suchen. "Eine vermeintliche Reise in die Vergangenheit, die in Ländern endete, in denen nichts mehr so war wie vor dem Krieg und dem folgenden Umsturz", bilanzierte Kruse, als er nach fünf Monaten wieder in Hamburg landete.

Was Hellmut Kruse in den 60er Jahren anpackte, als er als Vorstand für das Auslandsgeschäft der Hamburger Firma Beiersdorf antrat, wurde von einem Insider als "Wirtschaftskrimi mit James-Bond-Geruch" beschrieben, während der Betroffene eher von einer "romanhaften Geschichte" sprach. Was er heute in "Wagen und Winnen" ans Licht bringt, entpuppt sich als "faszinierendes, bisher nicht beschriebenes Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte, das nach so vielen Jahren nur eine Person noch zu schildern vermag", sagt er.

Es ging dabei vor allem um die lebenswichtigen Markenrechte von Beiersdorf, die durch den Krieg ans Ausland verlorengegangen, sprich: von den Siegern in aller Welt beschlagnahmt und später in rund 20 Staaten der Erde an Private, unter ihnen frühere Lizenznehmer, auch jüdische Geschäftsleute, versteigert worden waren. Wie konnte man diese Rechte zurückerwerben? Kruses Berichte über seine Missionen in einem hochempfindlichen Auftrag mit ungewissem Ausgang lesen sich in der Tat wie ein Wirtschaftskrimi mit politisch-moralischem Doppelboden.

"Nivea" war in diesem Spiel die Marke aller Marken, jene Creme, "weiß wie Schnee", die der Apotheker Oskar Troplowitz 1911 in seinem Labor für Beiersdorf entwickelt hatte. Weltweit wurde sie, seit 1924 in der blau-weißen Dose, so bekannt, daß viele Menschen sie für eine Erfindung ihrer eigenen Länder halten. "Nivea", dieses offenbar unsterbliche Markenzeichen, war Hellmut Kruses erstes und wichtigstes Ziel. Er war erfolgreich. Die letzten Markenrechte konnten von Beiersdorf allerdings erst 1997 zurückgeholt werden, in einigen Fällen erst nach dem Tod ihrer Nachkriegsbesitzer, die sich vorher um keinen Preis von Weltmarken wie "Tesafilm", "Leukoplast" oder eben "Nivea" trennen wollten. Der Rückkaufpreis wurde mit Beteiligungen, teilweise auch mit Bargeld beglichen.

Daß Hellmut Kruse, ein Großmeister des Understatements, erst jetzt Licht in sein hanseatisches Kaufmannsleben fallen läßt, muß überraschen. Als er Vorstandsvorsitzender der Beiersdorf AG war, hatten sich Journalisten mit einem Lebenslauf begnügen müssen, der ganze neun Schreibmaschinenzeilen lang war. Der Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende eines der großen Pharmaunternehmen der Welt, das Aufsichtsratsmitglied vieler Großfirmen, der spätere Präsident des Übersee-Clubs, der langjährige Gesprächspartner der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, hatte sich stets auf die Ausrede zurückgezogen, er habe sich nie um eine Position bewerben müssen und sich daher auch nie gezwungen gesehen, seine Funktionen im einzelnen aufzuzählen. Also:

Hellmut Kruse, Sproß einer alteingesessenen Hamburger Kaufmannsfamilie, wurde am 19. Mai 1926 in der Hansestadt geboren. Sein Vater, der Unternehmer Hans E. B. Kruse, war nach Kriegsende Hamburgs erster (noch von den Briten eingesetzter) Wirtschaftssenator. Hellmut Kruse sagt über ihn: "Er war immer einsatzbereit, ausgleichend, souverän. Er war mein Vorbild."

Jung-Kruse besuchte von 1936 bis 1944 das Johanneum und studierte an den Universitäten Hamburg und Fribourg Literaturgeschichte, Kunstgeschichte und Philosophie. Er wollte Verleger werden, da er im zerstörten Deutschland keine Chancen sah, als Exportkaufmann arbeiten zu können. Über seine Schweizer Sorgen schreibt er: "Da Zahlungen aus Deutschland vor der Währungsreform vor 1948 nicht möglich waren, traf es sich günstig, daß mein Vater noch ein Guthaben von Wiechers & Helm über 962 Schweizer Franken bei einer Stickerei in Kirchberg aus einer Vorkriegsreklamation ausfindig machen konnte. Damit war die finanzielle Frage bei sparsamster Haushaltsführung gesichert."

Kruse promovierte 1948 über den Dichter Wolf Graf von Kalckreuth und bewies, daß lyrische Gedichte durchaus zu übersetzen sind. Nicht ohne Grund zitiert er in seiner Biographie aus einem "Requiem" Rilkes für von Kalckreuth, der mit 19 Jahren Selbstmord begangen hatte, die wegweisenden Worte: "Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles."

Nach dem Studium arbeitete Kruse doch von 1949 bis 1961 bei Wiechers & Helm als Exportkaufmann und persönlich haftender Gesellschafter. 1951 heiratete er Clarita von Hobe, die ihm zwei Töchter und einen Sohn gebar. 1961 wechselte er in den Vorstand der Beiersdorf AG und übernahm 1979 den Vorsitz. 1988, dem letzten Geschäftsjahr, das er noch voll zu verantworten hatte, erzielte das Unternehmen einen Weltumsatz von 3,4 Milliarden Mark bei einem Auslandsanteil von 59 Prozent. Als Kruse 1961 das Auslandsgeschäft übernommen hatte, hatte die Firma auf diesem Sektor 69 Millionen Mark umgesetzt.

Am 1. Juli 1989 schied Hellmut Kruse altersbedingt aus dem aktiven Management aus und wechselte in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Beobachter beschreiben seine "hanseatische Karriere" häufig als "geradlinig" und "geräuschlos". Daß er für sein Buch den Titel "Wagen und Winnen" wählte, den Leitspruch des kaufmännischen Berufstandes, der über dem Portal des Gebäudes der Handelskammer Bremen zu lesen ist, spricht für sich. Und daß ein Kaufmann Risiken in Kauf und Chancen wahrzunehmen hat, ist für Kruse selbstverständlich, "Courage" zu haben und "Entscheidungen treffen zu wollen" gültiges Führungsprinzip. Seine Biographie hat Hellmut Kruse selbst geschrieben, ohne ghost writer. Er kann sich nicht auf Tagebücher stützen ("die bergen stets zuviel Selbstreflexion"), aber auf ein Datengerüst aus Terminkalendern ("drei Zeilen pro Tag") und ein "sehr gutes Gedächtnis". Von "Memoiren" will er nicht sprechen, eher von einer "Chronik in versuchter Objektivität". Denn:

"Wer Rückblick auf ein Leben, eine Laufbahn, die Geschichte einer Stadt halten will, braucht keine Aktenlage, sondern Subjektivität und Bewertungen." Und: "Die Zukunft kann man nur in Kenntnis der Vergangenheit gestalten. In der Wirtschaft wie in der Politik versucht man immer wieder, bei Null anzufangen. Typisch war, daß mir keiner aus meiner Nachfolgegeneration bei der Amtsübernahme Fragen gestellt hat. Man wollte, man mußte ja alles anders machen. Erst die Generation von heute beginnt wieder zu fragen."

Seine Berufsgeschichte - 28 Jahre in Vorstand und Aufsichtsrat eines einzigen großen Unternehmens, wo gibt es das noch? - sieht Hellmut Kruse auch als "einen Beweis für den Wert von Kontinuität": "Heute muß man ja schon unzufrieden sein, wenn man fünf Jahre lang dasselbe machen, dieselben Ziele haben muß", kritisiert er.

Wagen und Winnen? "Das größte Risiko liegt in der Angst vor dem Risiko" ist sich der Hanseat Hellmut Kruse einig mit Winston Churchill, Paul E. Getty, Henry Ford oder Bill Gates. Alle hatten Erfolg.

erschienen am 6. Februar 2006 im Hamburger Abendblatt